„Ohne Studie keine wissenschaftliche Fundierung“

Prof. Dr. Daniel Memmert leitet an der Deutschen Sporthochschule Köln das Institut für Kognitions- und Sportspielforschung und hat die inhaltliche Fundierung und Ausarbeitung des pistenkids-Konzepts übernommen. Über Motive, Vorgehensweise und Ziele spricht er im pistenkids-Interview.
Herr Memmert, was reizt Sie persönlich am pistenkids-Projekt?
Das einzigartige an diesem Projekt ist, dass es so etwas einfach noch nicht gibt.

Es gibt noch keine Ausbildung und kein Konzept, dass berücksichtigt, dass sowohl bei Schneesportarten als auch bei Sommersportarten grundsätzliche Gemeinsamkeiten bestehen. Das gilt für den Bereich der Motorik wie für den Bereich der Kognition. Wir wollen deshalb einen wissenschaftlich fundierten Lehrplan entwickeln, der eben diese Gemeinsamkeit von Sommer- und Wintersport gezielt fördert.

Warum ist eine solche Studie notwendig?
Ohne Studie gibt es keine wissenschaftliche Fundierung. Unser Anspruch ist es, einen Lehrplan zu entwickeln der empirisch fundiert ist. Wir wollen zunächst prüfen, welche Spiele und Übungen wir mit den Kindern durchführen müssen, um bestimme übergreifende Kompetenzen zu schulen. In einem zweiten Schritt wollen wir dann den Lehrplan für pistenkids in der Praxis erproben.

Was ist so neuartig an dem pistenkids-Bewegungskonzept?
Die Grundidee ist, dass wir sowohl motorische wie kognitive Komponenten verwenden. Das Konzept wird aus drei Bausteinen bestehen. Es geht um sportartübergreifende Koordination, Technik und Kognition.

Kognition?
Ja. Bewegung ist eine wesentliche Grundlage geistiger Entwicklung. Sie fordert die kognitive Leistungsfähigkeit. In zahlreichen Studien wird beschrieben, dass mehr Bewegung tatsächlich Einfluss hat auf die Förderung von kognitiven Faktoren.

Warum sollten Kinder sportartübergreifend gefördert werden?
Wir glauben, dass die Kinder durch den Erwerb von sportartübergreifenden Kompetenzen später schneller und effektiver in der Lage sind, verschiedene Techniken bei Sommersportarten wie Inline-Skaten, Skateboardfahren und Mountainbike aber auch bei Wintersportarten wie Ski- oder Snowboardfahren zu erlernen.

Und das schnellere Lernen beruht auf Transferleistungen?
Ja. Wir wissen aus zahlreichen Studien, dass sowohl motorischer Transfer als auch kognitiver Transfer möglich ist. Dass man Kompetenzen, die man durch eine Sportart erwirbt, diese auch auf andere Sportarten übertragen kann. Diesen motorisch-kognitiven Transfer machen wir uns in diesem Projekt zunutze.

Diese Transferleistungen können auch Einfluss nehmen auf soziale Kompetenzen?
Wir wollen auch verschiedene soziale Kompetenzen in unserem Projekt fördern, dazu zählt das Agieren in einer Gruppe. Dass sie lernen miteinander Wettkämpfe auszutragen, miteinander Spaß zu haben, Glück empfinden zu können, Erfolg zu genießen und mit Niederlagen umzugehen.

Wie soll die Studie in der Praxis realisiert werden?
Die Studie soll aus zwei großen Teilen bestehen. In der ersten Phase suchen wir nach den passenden Spiel- und Übungsformen, die gegebenenfalls neu gedacht und konstruiert werden müssen, damit sie die Kompetenzen bei den Kindern ideal fördern. Danach kommt in der zweiten Phase die praktische Seite. Hier wird überprüft, ob die Kinder durch die Spiel- und Übungsformen tatsächlich gefördert werden. Ob also Lernfortschritte zu erzielen sind.

Welche konkrete Kompetenz würden Sie beispielsweise fördern?
Eine motorische Kompetenz wäre beispielsweise das Gleiten. Dass die Kinder lernen auf verschiedenen Untergründen tatsächlich richtig zu gleiten. Diese Kompetenz braucht man sowohl bei Schneesportarten wie beim Ski- oder Snowboardfahren wie bei Inline Skates zum Beispiel. Wir glauben, dass dieser Baustein „Gleiten, Dosieren“ ein großes Transferpotential aufweist.

Sie setzen im pistenkids-Projekt auf Vielfalt. Was bedeutet dies?
Wir versuchen durch viele verschiedene Anregungen und Anforderungen, den Kindern ein facettenreiches und vielfältiges Angebot zu präsentieren. Wir werden sehr viele verschiedene Übungen zusammenstellen, die alle verschiedene motorische Kompetenzen quasi beiläufig provozieren. Gerade diese Vielseitigkeit wird dazu führen, dass die Kinder einen sehr großen Erfahrungsschatz erwerben.

Wie viel Zeit wird die Studie in Anspruch nehmen?
Um die Spiel- und Übungssammlung für die Kinder zu entwickeln und zu erproben, brauchen wir zwei bis drei Jahre. Im Anschluss daran wollen wir relativ schnell in die Praxis gehen, um den Eltern das Angebot zur Verfügung stellen zu können.

In welcher Form kann das Angebot zur Verfügung gestellt werden?
Ich glaube, dass unser Projekt beispielsweise von vielen Vereinen als Chance begriffen wird, Kindern ein sinnvolles Angebot unterbreiten zu können. Auf der anderen Seite können durch das pistenkids-Projekt auch neue Zielgruppen erreicht werden. Alle Vereine für Sommersportarten und Skischulen können von unserem Angebot profitieren.

Wie würde das Wissen im Winter und im Sommer explizit vermittelt?
Wir stellen uns vor, dass wir das fertige Konzept in Form eines Lehrplans an Interessierte weitergeben. Das können Eltern sein, das können Vereinsvertreter sein. Das können aber auch Lehrer sein, die bei uns dann quasi weitergebildet werden hinsichtlich der sportartübergreifenden Kompetenzvermittlung.

Das pistenkids-Konzept richtet sich anders als Vereine schon an Kleinkinder.
Wir wissen, dass Kinder sich von Geburt an sehr gerne bewegen und das wollen wir ausnutzen. Wir versuchen sie schon frühzeitig mit spezifischen Aufgaben, die sie natürlich nicht überfordern dürfen, zu konfrontieren. Damit die Kinder ihre Freude an Bewegung auch ausleben können.

Die Kinder sollen Spaß haben.
Genau. Ein wesentlicher Punkt ist, dass die Kinder beiläufig die sportartübergreifenden Kompetenzen erwerben. Wir werden weniger mit Instruktionen seitens der Übungsleiter arbeiten, sondern vielmehr Aufgaben präsentieren, die die verschiedenen Kompetenzen provozieren. Dann lernen sie die Kompetenzen beiläufig und dabei steht immer der Spaß im Vordergrund. Nicht das man Regeln beachten muss und ständig auf Feedback und Korrekturen des Trainers achten muss.

Freie Entfaltung des Spieltriebs.
So ist es. Wir wollen den natürlichen Spieltrieb der Kinder adäquat fördern. Dazu zählt auch, dass wir die natürlichen Umgebungen, in denen Kinder sich frei entfalten können, anbieten. Der Platz zur freien Entfaltung von Bewegung ist vor allem in urbanen Gebieten eingeschränkt. Wiesen, Wälder, Hinterhöfe sind spärlich gesät. Wir versuchen die natürliche Spiellust, die wir noch von Straßen und Wiesen kennen, neu zu beleben.

Ist pistenkids ein Konzept für alle Kinder?
Ja, es ist auf jeden Fall ein Konzept für den Breitensport, das sich an alle Kinder richtet. Das kann aber auch dazu führen, und das ist auch Ziel des Projektes, das talentierte Kinder in besonderem Maße davon profitieren können.

Ihr Bewegungskonzept schließt auch Kinder mit motorischen Defiziten ein. Inwieweit profitieren diese Kinder vom pistenkids-Bewegungsprogramm?
Viele Kinder können nicht mehr auf einem Bein stehen und hüpfen und auch nicht auf einer geraden Linie balancieren. Neueste Studien besagen, dass über 30 Prozent der Vorschulkinder eine Haltungsschwäche haben. Tendenz steigend. Das ist wirklich gravierend, denn motorische Entwicklungsrückstände im Kindesalter ziehen häufig Lern- und Leistungsstörungen in der Schule nach sich und sind mit verschiedenen Erkrankungen im Erwachsenenalter assoziiert, wie Fettleibigkeit, Stoffwechselerkrankungen und Herzkreislauferkrankungen sowie degenerative Rückenerkrankungen. Motorische und sensorische Fähigkeiten können nur durch regelmäßige Übung geschult werden, am besten schon ab Kleinkindalter. Durch Urbanisierung und/oder Zeitmangel der Eltern fehlen jedoch häufig die entsprechenden Freiräume. Unser vielseitiges Bewegungsprogramm schafft daher die Möglichkeit, diese Defizite zu kompensieren. Davon profitieren Kinder und starten mit besseren Chancen ins Leben.

Die Kinder lernen in den ersten drei Jahren am meisten. Eignet sich das pistenkids-Projekt auch für Kitas?
Ja, das pistenkids-Konzept richtet sich an Kitas, Grundschulen und wie gesagt auch an Vereine, die schon frühzeitig Programme für die sogenannten „Minis“ anbieten wollen.

Herr Prof. Dr. Memmert: Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Gespräch führte Loretta Langendörfer.