Die ersten Lebensjahre prägen

Frau Margot Wiss ist Mitgründerin der Vincerola Kindertagesstätten in Köln. Sie ist in den Bewegungskitas zuständig für die pädagogischen Konzepte. Sie hält das pistenkids-Bewegungskonzept für sehr geeignet zur Umsetzung in Kindertagesstätten, Kindergärten und Schulen.

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Frau Wiss, wie würden Sie eine ideale frühkindliche Förderung definieren?
Die Essenz aller Arbeit mit Kindern, wäre die, dass man fragt, was braucht ein Kind in frühem Lebensalter. Die Antwort ist, dass man eine ganzheitliche Entwicklung sichert. Die ganzheitliche Entwicklung ist unser Kernanliegen. Und dieser Aspekt der Ganzheitlichkeit sollte bei allen Konzepten für Kleinkinder stark im Fokus stehen. Dazu gehört, dass ein Kind die Möglichkeit hat, die Bereiche der Bewegung, der kognitiven Entwicklung, der seelischen Entwicklung im sozial-emotionalen Bereich und eine gesunde Ernährung, die auch körperlich das mitgibt, was man braucht um zufrieden durchs Leben gehen zu können, berücksichtigt. Wenn diese Komponenten sich harmonisch ergänzen, sprechen wir von einer ganzheitlichen Entwicklung, einem ganzheitlichen Ansatz. Und das ist für die Entwicklung am vielversprechendsten.

Was ist so wichtig an der Ganzheitlichkeit?
Ich halte alles für sinnvoll, dass man davon ausgeht, mit Kindern auf einer breiten Grundlage zu arbeiten. Das Gefühl dafür, dass wir nicht früh beginnen, eine bestimmte Sportart zu vermitteln, das muss weiter verankert werden, weil die Vereinsarbeit oft zu früh ansetzt. Gegen diese verfrühte Spezialisierung müssen Kitas, Kindergärten und Schulen steuern.

Die pistenkids-Bewegungsschule verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz …
Ja. Deshalb halte ich pistenkids für ein sehr vielversprechendes Konzept zur Grundlagenausbildung im frühkindlichen Bereich. Es muss in der jeweiligen Situation geschaut werden, welche Möglichkeiten die Kitas räumlich, materiell, personell und organisatorisch aufweisen. Das wird dann aber die praktische Erprobung zeigen. Ansatz und Ausrichtung von pistenkids stimmen mit dem überein, was wir bei Vincerola glauben und praktizieren. Das ist das Entscheidende.

Wie wichtig ist eine frühe Förderung für den späteren Bildungsweg?
Die ersten Lebensjahre prägen, die kognitive und die Persönlichkeitsentwicklung für ein ganzes Leben. Ein Kind ist bei der Geburt in vielen Dingen hilflos, kann aber viel mehr, als man denkt. Und das als Ausgangspunkt zu nehmen und mit Konsequenz weiterzuentwickeln, das ist die Aufgabe der Menschen, die mit Kindern in der frühen Kindheit arbeiten.

Wir geben Anreize, überfordern aber nicht …
Das ist der Idealfall. Es gibt den pädagogischen Satz: „Fördere aber überfordere nicht!“ Überforderung macht Stress und das ist ein ganz schlechter Ausgangspunkt zum Lernen. Wenn Kinder das Gefühl haben, dass das, was sie schaffen sollen, genauso viel ist, wie sie schaffen können, wenn sie sich ein wenig strecken, dann haben wir einen optimierten Lernprozess.

Was bedeutet dies für Erzieher, Eltern, Lehrer etc.
Wir brauchen die richtige Einsicht. Denn wir können das Lernen des Kindes nicht pushen. Das wollen Eltern, Lehrer und Erzieher oft nicht wahrnehmen. Es ist nicht so, dass je mehr Energie wir investieren, desto schneller lernt das Kind. Das Maß muss stimmen, das Kind hat einen eigenen Bauplan.

Und was im Kindergartenalter gelernt wird, garantiert oft einen Vorsprung fürs ganze Leben.
Ja. Das erstreckt sich über alle Bereiche. Besonders augenfällig ist dies im Bereich der Motorik und der Sprache. Für die Entwicklung der Motorik gibt es im Gehirn bestimmte Bereiche, die, wenn sie nicht entsprechend gefördert werden, sich langsamer entwickeln. Wenn ich dies hingegen nach dem inneren Bauplan des Kindes fördere, dann lege ich ein gesundes motorisches Fundament. Habe ich als Kind nicht gelernt zu balancieren, zu koordinieren, dann habe ich als Jugendlicher oder Erwachsener erhebliche Probleme komplexe motorische Bewegungen im Alltag zu koordinieren. Sicherlich kann man das alles noch lernen, aber die Grundlage für Qualität wird in frühen Jahren gelegt.

Deutschlands Jugend ist in schlechter Verfassung. Übergewicht, Haltungsschäden, psychische und soziale Defizite. Warum ist Sport und Bewegung so wichtig?
Im Schulsport gibt es eine Entwicklung zu sagen, dass das, was Kinder vor einigen Jahren noch gekonnt haben, heute viele nicht mehr schaffen. Da müssen wir schwer zurück rudern, die Kinder bringen einfach nicht mehr die körperlichen Voraussetzungen mit. Da teilt sich das Ganze in die Sportinteressierten, die in sich eine kleine Elite bilden und die anderen, die dazu nicht mehr aufschließen können. Die gesundheitlichen Folgen sind dokumentiert, da kann jede Krankenkasse ein Klagelied von singen.

Bewegung ist eine wesentliche Grundlage geistiger Entwicklung.
Auf jeden Fall. Das ist auch wissenschaftlich gut belegt, das ist die Vernetzung der linken und rechten Gehirnhälfte. Wenn ein Kind nicht richtig krabbelt, vernetzen sich die beiden Hälften nicht so, wie es sein sollte. Auf dieser Krabbelei baut später, das „über Kreuz arbeiten können“ sowie das Schreiben lernen und andere motorische Fähigkeiten.

Wie unterstützt man die kognitive Entwicklung eines Kleinkinds?
Eltern, Lehrer und Erzieher sollten darauf achten, dass ein Kleinkind genügend Raum und Anregung für die motorische Entwicklung bekommt. Da reicht es nicht, wenn man sagt: „Du hast viele schöne Sachen in deinem Spielzimmer, nun spiel’ mal!“ Sondern es ist ganz wichtig, dass motorische Fähigkeiten aus den Grundfertigkeiten „Laufen“, „Hüpfen“, „Balancieren“, „Springen“ usw. dem Kind rechtzeitig Möglichkeiten geben, d. h. das volle Kinderzimmer ist in dieser Hinsicht ein Albtraum.

Wieso?
Weil ein volles Zimmer verhindert, dass ein Kind sich bewegen kann. Das gilt auch für die klassischen Kindergarten- und Schulräume, denn sie sind generell zu voll. Das verlangt ein Umdenken. Kinder müssen sich bewegen und laufen dürfen. Auch wenn es uns Erwachsenen sympathischer ist, wenn Kinder am Tisch sitzen und brav sind.

Welche Alternative empfehlen Sie?
Der beste Fall ist, wenn man für die Kinder eine Bewegungslandschaft kreiert. Das können Schulhöfe sein oder Gärten. Spielbereiche sollten so gestaltet sein, dass vielfältige Anregungen da sind, auf die die Kinder auch Lust haben. Bei uns steht zum Beispiel immer ein Trampolin. Da machen die Kinder Bewegungserfahrungen, die sie normalerweise im Alltag nicht machen können. Diese Erfahrungen anzubieten, ist Aufgabe vom Elternhaus und allen Häusern, die Bildungseinrichtungen sind.

Die Bedeutung von Bewegung ist den meisten Eltern bekannt, doch die Umsetzung im Alltag fällt schwer. Keine Zeit, zu kleine Wohnung, man wohnt in der Stadt. Damit kommt den Kitas eine ganz besondere Rolle zu.
Man kann niemandem einen Vorwurf über seinen Lebensstil machen. Der ist halt so. Das Auto ist ein wichtiges Bewegungsmittel, schon fürs Kleinkind. Zum Einkaufen, für den Transport von A nach B. Dafür ist das Auto in der heutigen Zeit unverzichtbar. Aber es ist eine Zeit, in der Kinder sitzen. Und zwar in einer Haltung, die Orthopäden furchtbar finden.

Was wäre die Alternative?
Von der motorischen Entwicklung betrachtet, bräuchten Kinder einen Großteil des Tages für die Bewegung: Liegen, Laufen, Rennen, Springen. Die Gelegenheit hierzu haben sie nicht. Die Wohnungen sind dazu nicht geeignet. Entweder sind sie zu klein oder „stylish“ eingerichtet, mit glatten Marmorböden zum Beispiel, und damit nicht für Bewegung geeignet. Gibt man den Kindern die Möglichkeit zur Bewegung, übernehmen sie selbst die Initiative.

Sie sprechen vom Bewegungsdrang?
Genau. Wir müssen nicht viele Anregungen geben, sondern nur eine geeignete Bewegungslandschaft bereit stellen. Viele Dinge gibt es in dieser Form im Alltag nicht mehr. Zum Beispiel Planken zum Balancieren. Die sind als Gefahrenstufen entschärft und werden weggenommen. „Geh’ da nicht drüber, das ist gefährlich“. Deshalb müssen wir all die Möglichkeiten, die wir als Kinder im Alltag hatten, nun in Kitas und Kindergärten als Bewegungslandschaft nachbilden.

Was war denn früher anders?
Nun, wir hatten früher als Kinder so viel Freizeit, dass wir uns selbst hinreichend bewegt haben. Wir brauchten hierzu weniger Aufforderung, weil die Rahmenbedingungen anders waren. Ich sage nur Platz und Zeit. Jetzt müssen Schulen und Kindergärten es als Auftrag betrachten, den Kindern Möglichkeiten zur Bewegung zu schaffen.

Ein Bildungsauftrag zur Bewegung von Kleinkindern?
Wenn Sie so wollen. Für Schulen, Kindergärten und Kitas besteht der Bildungsauftrag auch darin, Bewegungsmöglichkeiten für Kinder zu kreieren. Ihnen so viel Zeit zu geben, in einem abwechslungsreichen Bereich all das zu tun, was ihre motorischen Grundfertigkeiten schult. Dazu gehören Balance-Möglichkeiten, Klettern, Springen, Hüpfen. Diese Landschaften müssen von uns gestaltet werden, in Kitas und Kindergärten. Das ist der Auftrag.

Sind motorisch gut ausgebildete Kinder konzentrierter?
Wir verlangen den Kindern bei der Arbeit in unserer Bewegungskita eine relativ lange Konzentrationsphase ab – bei kleinen Kindern schon bis zu einer Viertelstunde. Das ist enorm viel. Das geht nur dann, wenn das Kind vorher seinen Bewegungsdrang hat ausleben können.

Wie sieht das konkret aus?
Wir haben bei Vincerola beispielsweise Außenhofzeiten, Sportzeiten, also tägliche qualifizierte Bewegungszeiten, in denen unterschiedlich gestaltetes Bewegungsprogramm angeboten wird. Kinder, die laufen wollen, schnappen sich ein Laufrad, ein Fahrrad oder ein Bobbycar und sehen zu, dass sie ihre Energie los werden. Nach dieser halben Stunde Außenzeit, können wir ohne Probleme sagen: „Und jetzt machen wir noch einmal ein Angebot, dass Konzentration erfordert. Dann sind die Kinder völlig relaxt, sehr ruhig. Diese Rhythmisierung eines Tages in Bewegungsphasen und bewegungslose Phasen ist eine der wichtigen Schlüsselbereiche bei der Planung eines Tages.

Sind bewegte Kinder wirklich schlauer?
Für die Entwicklung eines Kindes ist es nach dem, was wir aus der Wissenschaft kennen, absolut wichtig, dass wir die Bereiche kognitive Entwicklung und motorische Entwicklung gleichwertig behandeln. So dass sich beide Bereiche entwickeln können und gegenseitig befruchten. Ein Bereich allein ist wenig hilfreich.

Wie funktioniert das implizite bzw. beiläufige Lernen?
Beim Zweitsprachenerwerb funktioniert dies durch das Invasionsprinzip. So wie ich meinen erste Sprache erlernt habe, kann ich auch eine zweite erlernen oder auch eine dritte. Das unbewusste „Sprachen lernen“ ist eines der größten Dinge, die man Kindern mitgeben kann, weil es einfach mitläuft, ohne das Kind anzustrengen und weil es sehr spielerisch geht.

Können Transferleistungen Einfluss nehmen auf die Sozialkompetenz? Welche sozialen Kompetenzen werden durch Bewegung gefördert?
Das ist ein ganz komplexes Bündel. Das Wichtigste ist eigentlich das Miteinander, das Hilfe anbieten und das Hilfe erbitten können, das Hilfe annehmen können. Gewinnen können, verlieren können. Misserfolge wegstecken. Jemanden als Partner holen, weil es schöner ist. Das sind Teamfähigkeiten, soziale Kompetenzen, die später im Berufsleben als Sekundärtugenden oder „Soft Skills“ absolut gefragt sind.

Wichtige Erfahrungen fürs Leben …
Sicher. Bei Bewerbungsgesprächen stehen die „Soft Skills“ mehr und mehr im Vordergrund. Nicht mehr die Frage nach Fachqualität, die ändert sich ohnehin ständig, sondern „Wie kommst du damit klar. Wie kannst du dir Hilfe holen? Wie gehst du mit Niederlagen um? Wie widerstandsfähig bist du?

Widerstandsfähig?
Das Stichwort für ein glückliches Leben ist für mein Dafürhalten immer, dass man jemanden so erziehen oder begleiten kann, dass er resilient (widerstandsfähig) wird. Niederlagen wegstecken, ohne daran zu zerbrechen und weiter machen. Dass ist das, was wir mit den Kindern hier schon probieren, auch im Sport. Ist nicht schlimm, wenn du nicht der schnellste warst. Hast du getan, was du konntest? Wenn es so war, ist es ok.

Was sind die wesentlichen Aspekte von Widerstandsfähigkeit?
Man muss abgeben können, aber sich auch behaupten können und sagen: „Du warst jetzt dran, jetzt bin ich dran!“ Sich behaupten können, den anderen aber einbeziehen können, sind Punkte, die stark und widerstandsfähig machen. Und das ist eine gute Grundlage zum Erfolg im Beruf aber auch für ein zufriedenes Leben. Dass man nichts einstecken muss, was man nicht will. Und wenn man es tut, weiß warum.

Sie definieren diese Resilienz als Schlüssel zum Glück?
Als Grundstein, ja. Die sozialen Kompetenzen, die wir im Sport erwerben, begleiten den ganzen Tagesablauf und das Leben so, dass am Ende eine resiliente Grundhaltung für den Menschen herauskommen sollte. Das führt zu einer Einstellung, die sehr leicht übertragbar ist und auch übertragen wird auf Schule, Beruf und auf das tägliche Verhalten. Es wird Teil der Persönlichkeit. Wenn Menschen das können, ist der Grundstein für ein glückliches Leben eigentlich gelegt. Dann kann ich auch mit Schicksalsschlägen oder Rückschlägen anders umgehen.

Wie laufen Transferleistungen von motorischen Fähigkeiten?
Was Transferleistungen angeht, sind alle Bereiche betroffen. Das heißt die motorischen Fertigkeiten, die ich erworben habe, kann ich von Sportgerät auf Sportgerät übertragen. Ich kann auch die Bewegungsabläufe übertragen, d. h. was ich auf dem Balance Board gelernt habe, nutzt mir auch, wenn ich Skilaufen lerne. Es nutzt mir, wenn ich Skateboard lerne oder Snowboard lerne. Also bei allem, das die gleiche oder eine ähnliche Bewegungssystematik hat. Ich habe in den Abläufen eine so große Sicherheit, dass auch komplexere Bewegungsformen, die diese Teile beinhalten deutlich leichter gelingen.

Frau Wiss, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!

Das Gespräch führte Loretta Langendörfer.